Wirkmechanismen von Sport für AD(H)S

Es liegen bisher kaum Untersuchungen vor, die den Nutzen von Sport zur Verhaltensbeeinflussung von hyperaktiven Kindern belegen. Ziel dieses Forschungsprojektes ist das Herausfinden der Wirksamkeit unterschiedlicher Sportangebote auf die Beeinflussung von Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität bei Kindern.

Theoretischer Hintergrund
Allgemein kann mit den Möglichkeiten des Sports, also dem ihn eigenen Mitteln und Methoden, dazu beigetragen werden, Verhaltensdispositionen positiv zu beeinflussen, indem

  • die psychophysischen Grundlagen beeinflusst werden,
  • Verhaltensregulation verbessert wird,
  • Verhaltensorganisation trainiert wird,
  • positive Umweltrektionen erlebt werden.

Die Nutzung motorischer Handlungen im Dienste der Verhaltensmodifikation
Durch eine zielgerichtete Auswahl der Übungen kann der Pädagoge direkt Einfluss nehmen auf die Verhaltensregulation und –organisation. Bekannt sind Reaktionsübungen zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit. Ihr Wesen besteht darin, z. B. auf ein festgelegtes Signal eine bestimmte motorische Handlung auszuführen. Laufen die Kinder z.B. durch die Halle und sollen auf den Schlag mit dem Tamburin stehen bleibe, so fordert das dazu heraus, das Verhalten (das Laufen) anzubremsen. Werden zwei oder 3 verschiedene Signale mit entsprechenden Antwortreaktionen vereinbart, so müssen die Kinder genau hinhören, nachdenken um richtig zu handeln, werden zum überlegten statt impulsivem Handeln herausgefordert.

Ballspiele fordern und fördern nicht nur das genaue Beobachten und angepasstes motorisches Verhalten, ihnen sind zudem  – wie allen Kleinen Spielen und Sportspielen – Regeln immanent. Erst die Regeleinhaltung ermöglicht den Erfolg im Spiel.  Verstöße ziehen sofort Konsequenzen nach sich, mindern die Spielfreude, fordern zur Selbstdisziplinierung heraus.

Alle Bewegungen, bei denen sich die Kinder dem vorgegebenen Rhythmus (durch Musik oder rhythmisierende Elemente) unterordnen, regulieren deren motorisches Verhalten, fordern zur Verhaltensanpassung an eine von außen gegebene Vorgabe heraus. Sich einer fremden Vorgabe unterzuordnen, nichts anderes ist Bewegen nach Musik, bereitet den Kindern zudem noch Freude, zudem  bietet sich Kindern ein großer Gestaltungsraum.

Zur äußeren Strukturierung
Eine weitere Potenz des Sports zur Verhaltensbeeinflussung resultiert aus der Vielzahl methodischer Möglichkeiten bei der Gestaltung des Unterrichtsprozesses. Die offene Unterrichtzahl und die Fülle von Reizen erfordern vom Pädagogen Überlegungen, wie er reizreduzierend oder aufmerksamkeitsverstärkend  effektiv den Übungsablauf, die Gruppeneinteilung und die Übungsstätten gestaltet.

Mit der Reizreduktion sollen die ablenkenden Umweltreize reduziert werden, während durch die Reizintensivierung der Reizwert bestimmter Stimuli im Sinne von Ausrichtung der Aufmerksamkeit erhöht wird. Damit kann den Schwierigkeiten der Kinder, Reize diskriminativ wahrzunehmen, entgegengewirkt werden. Die Aufmerksamkeit der Kinder soll dadurch auf die wesentlichen Aufgaben bzw. Übungen gelenkt werden, indem diese sich deutlich von anderen Reizen abheben.

Verhaltensbezogene Strukturierung
Weiter Potenzen zur Verhaltensmodifizierung ergeben sich aus der Tatsache, dass Sport in Gruppen, in offenen Situationen stattfindet.

Regeln der Zusammenarbeit
Die offene Situation im Sport fordert gerade zu heraus, zur Gewährleistung der Sicherheit aller Beteiligten Verhaltensregeln zu vereinbaren. Diese beziehen sich auf dem Umgang der Teilnehmer miteinander, auf den Übungsablauf und konkret natürlich dann auf die Regeln bei Spielen. Gemeinsam mit der Gruppe vereinbart, fordert das natürlich eine stete Bewertung deren Einhaltung. Hierbei bietet sich auch die Nutzung von Verhaltenverstärkern an.

Mit einer klaren Aufgabe versehen, kann auch das aufmerksamkeitsgestörte Kind sich einbringen, erlebt seinen Anteil am Erfolg, erfährt Bestätigung durch Kameraden. Gerade Spielsituationen fordern dazu heraus, Regeln, Spielfeldmarkierungen zu akzeptieren, sich mit seinem Verhalten anzupassen (positives Selbsterleben).

 

Autorin dieses wissenschaftlichen Beitrags ist Prof. Dr. habil. Gudrun Ludwig (Hochschule Fulda).